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Die Unergründliche

Für Martha Argerich ist Musik ein lebendiger, sich ständig verändernder Prozess. Trotz ihres frühen Ruhms und ihrer Erfolge betont sie stets ihre Demut gegenüber der Musik. Im Musikverein, dem sie seit ihrem Debüt im Jahr 1958 eng verbunden ist, ist die Ausnahmepianistin 2025/26 Künstlerin im Fokus und tritt mit langjährigen Weggefährt:innen in einer Reihe von Konzerten auf.

© Adriano Heitman

Wunderkind, „Bella Martha“, „Tigressa“ – zahlreiche Bezeichnungen wurden geprägt, um Martha Argerich zu beschreiben. Doch keiner dieser Namen wird einer Künstlerin gerecht, die sich konsequent jeder Einordnung entzieht. Mit beinahe rebellischem Geist trotzt sie den Erwartungen an ihre öffentliche Person – unbeugsam, unabhängig, unnahbar. Sie passt in keine Schublade, und jeder Versuch, sie in ein vorgefertigtes Bild zu pressen, scheitert zwangsläufig. Martha Argerich ist nicht nur eine der größten Pianistinnen unserer Zeit. Sie ist, wie ihr Lehrer Friedrich Gulda einmal sagte, „ein echtes Phänomen, das man nicht erklären kann“, „das Absolute in der Kunst“.

Die Energie, die die argentinische Pianistin auf der Bühne entfaltet, gleicht einem Naturereignis, als fließe die Musik von selbst, als könnte sie keinen anderen Weg nehmen, leicht wie ein Kinderspiel – wie damals im Kindergarten in Buenos Aires, als ein Bub behauptet hatte, sie könne nicht Klavier spielen, und sie sich, kaum drei Jahre alt, ohne zu zögern und jemals zuvor eine Taste berührt zu haben, an das Instrument setzte und nach Gehör ein Wiegenlied nachspielte, fehlerfrei.

Es sind Geschichten wie diese, die zum Mythos um Martha Argerich beitragen. Ihr erstes Konzert gab sie im Alter von sieben Jahren mit Klavierkonzerten von Mozart und Beethoven, mit elf folgte Schumanns Klavierkonzert. Prokofjews Klavierkonzert Nr. 3 soll sie im Schlaf gelernt haben, während ihre damalige Mitbewohnerin das Konzert einstudierte und sich das komplexe Werk wie von selbst in ihrem Gedächtnis einprägte. Sechzehnjährig gewann sie sowohl den Klavierwettbewerb von Bozen als auch jenen von Genf, und acht Jahre später feierte sie mit ihrem Sieg beim renommierten Chopin-Wettbewerb den internationalen Durchbruch. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits eine virulente Krise hinter sich. Mit Anfang zwanzig rührte sie das Klavier zwei Jahre lang kaum an und überlegte ernsthaft, ihre Karriere zu beenden. „Ich lebte wie eine 40-Jährige, obwohl ich noch so jung war“, sagte sie später über diese Zeit, die von endlosen Konzertreisen und einer tief empfundenen Isolation geprägt war.

Petr Popelka beim Dirigieren im Großen Saal

© Daniel Bockwoldt/dpa

Vielleicht ist es diese Erfahrung, die erklärt, warum Martha Argerich keine Klavierabende mehr gibt und das gemeinsame Musizieren bevorzugt. Auch als Fokus-Künstlerin des Musikvereins teilt sie die Bühne mit anderen: Mit den Wiener Philharmonikern unter Tugan Sokhiev bringt sie Prokofjews Drittes Klavierkonzert zur Aufführung; mit dem Chamber Orchestra of Europe und den Brüdern Capuçon Beethovens „Tripelkonzert“. Ihre Kammermusikleidenschaft zeigt sie im Trio mit Mischa Maisky und Janine Jansen sowie im Klavierduo mit Lahav Shani. Unter dessen Leitung widmet sie sich auch Schumanns Klavierkonzert, einem Herzensstück, das für Martha Argerich im Laufe ihrer Karriere zur musikalischen Autobiographie werden sollte.

„Ich habe eine echte Affinität zu Schumann. Er ist wie ein Seelenverwandter“, verriet sie einmal. „Das Bild, das ich von ihm habe, lässt sich nicht in Worte fassen, es verändert sich ständig. Seine Musik ist wie das Leben: spontan, unvorhersehbar und voller Überraschungen.“ Eine Beschreibung, die auf Martha Argerich selbst und ihren Zugang zur Musik zutreffen könnte. In einem Interview mit ihrem Biographen Olivier Bellamy sagte sie dazu: „Ich versuche, in der Musik Direktheit zu erreichen. Es ist wie mit einer Person. Wer glaubt, genau zu wissen, wie der Umgang mit jemandem verlaufen wird, erlebt oft ein Fiasko. Es geht darum, im Moment zu sein, sich darauf einzulassen, wie eine Person gerade ist, und nicht auf eine Vorstellung von ihr. So verhält es sich auch mit der Musik. Es ist ein ständiges Entdecken. Jedes Mal findet man etwas Neues. Zumindest empfinde ich es so, und ich hoffe, dass es so bleibt – denn die Musik ist immer besser: besser als das, was wir spielen, besser als das, was wir wollen. Sie ist besser als wir selbst.“

Karin Frey

Konzerte in der Saison 25/26

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