Reise der Erfindung
Als Komponistin im Fokus des Musikvereins präsentiert Chaya Czernowin in der Saison 2025/26 ein Panorama ihrer facettenreichen Musik.
© Astrid Ackermann
„Ich glaube, es ist eine große Reise, die der Idee der Erfindung nachgeht. Wie geschieht Erfindung? Wie kann es geschehen, dass eine Sache zu einer anderen führt? Und zwar nicht einfach als eine Gewohnheit, aber doch als eine Notwendigkeit? Diese Entwicklung nimmt uns mit auf einen erlebnisreichen Weg. Und das, was dann geschieht, alles zu seiner Zeit, führt uns immer weiter. Wir werden die Zeugen eines Prozesses der Erfindung. Und deshalb ist das Stück nicht ein vollendetes Produkt, sondern eine unvollendete, immer weiter gesuchte, suchende Energie.“
So ungefähr hat Chaya Czernowin, halb auf Deutsch, halb auf Englisch, im Jahr 2023 in Wien in einem Podiumsgespräch die grundlegenden Gedanken ihres Werks „The Fabrication of Light“ dargelegt. Czernowins Worte taugen aber auch wunderbar als Beschreibung ihres Komponierens überhaupt. Es gibt heutzutage wenige schöpferisch tätige Musiker:innen, deren Werke so fantasievoll und auf staunenswerte Weise unberechenbar wirken wie ihre. Logizität und Überraschung, Erstaunen und Befriedigung über Entwicklungen, Unvorhersehbares und wie aus weiter Ferne Wiedergehörtes, die Wahrnehmung von Raum und Zeit: All diese und noch mehr Elemente gehen immer wieder verblüffende Verbindungen ein in Czernowins Musik, in ihrer professionell-künstlerischen „Fabrication of Sounds“, wie man es nennen könnte. Auch ihr Komponieren als Ganzes befindet sich demnach in einem Prozess, führt immer weiter, zu neuen energetischen Ausbrüchen und feinsinnig nachgelauschten Echos. Dabei spielen Fragen der Identität eine wichtige Rolle: von Individuen in bestimmten politischen Realitäten, etwa in den Bühnenwerken, aber auch rein musikalisch, zum Beispiel bei der Bildung von „Meta-Instrumenten“, zu der sie kleine Ensembles verschmelzen lässt, um sie dann wieder aufzutrennen.
Die dafür nötige Sensibilität mag sich mit aus ihrer Biographie speisen: Geboren 1957 in Haifa und ausgebildet in Israel, Deutschland und den USA, u. a. bei Dieter Schnebel und Brian Ferneyhough, wurde Chaya Czernowin mit zahlreichen Preisen und Stipendien bedacht. Nach drei Jahren an der Wiener Musikuniversität ist sie seit 2009 Professorin an der Harvard University.

© Heinz Bunse
Ein neues Werk beginnt bei mir mit …
einem Strom von Klangbildern, Klangbewegungen, Energien und Ideen. Etwas später kommt eine allgemeine Ahnung für seine Energie, Farbe und für seinen Geruch …
Meine Ideen finde ich …
überall: in der Natur, in Momenten der Interaktion mit einem Freund, in einem beiläufigen Wort, in einem flüchtigen alltäglichen Klang, in einer merkwürdigen Berührung … Wenn ich mich in ein Stück begebe, lese ich vielleicht die Realität durch ihr Prisma und ihre Herausforderungen – und die Realität antwortet mit Ideen, Fragen/Lösungen und manchmal auch falschen Hinweisen.
Am wichtigsten bei meinen Interpret:innen ist mir …
die Tiefe, Einzigartigkeit und Offenheit im Umgang mit Musik und mit ihren Instrumenten/Stimmen.
Ich schreibe für Personen,
die ein Bedürfnis haben, Unbekanntes zu erleben. Sie hören wach, mit ihrem Herzen, ihrem Verstand und ihrem Körper, und die Tore ihrer inneren Welt sind weit geöffnet.
Am liebsten höre ich Musik, die …
mich etwas lehrt, das ich noch nicht kenne.
Mich schmerzt, …
wenn mein Werk von Grund auf schlecht gespielt wird.
Hoffnung gibt mir, dass …
es so viele interessante junge Komponist:innen gibt.
Musik kann …
das Leben eines Menschen verändern.
Es erklingen Werke von Chaya Czernowin für Orchester, Ensembles und Streichquartett mit dem ORF RSO Wien unter Maxime Pascal, dem Arditti Quartett, dem International Contemporary Ensemble, dem Webern Ensemble Wien, dem Ensemble Kontrapunkte und dem Black Page Orchestra.
In Kooperation mit
