Meine drei Spazierstöcke

© Wolf-Dieter Grabner
Anlässlich des „Musikverein Festival: Beethovens Spazierstock“ hat sich Michael Köhlmeier in einem literarischen Beitrag Gedanken über seine eigenen Spazierstöcke und deren Geschichten gemacht.

Von Michael Köhlmeier

18.03.2025

Den ersten Spazierstock erwarb ich in Berlin auf einem Flohmarkt. Ich kaufte ihn, weil er mir gefiel, ich hatte nicht vor, ihn zu verwenden. Sein Griff gefiel mir. Er war kräftig, klassisch rund gebogen, schien aus wertvollem Holz zu sein und war hochglänzend lackiert. Der Stab war klobig. Ich musste den Kauf gegenüber meiner Schwägerin verteidigen, die meinte, der schöne Griff könne das hässliche Weitere nicht wettmachen. Das Stück war nicht billig. Zu Hause untersuchten wir den Stock genauer. Zwischen Griff und Stab war eine Muffe aus poliertem Messing, sie betonte die Vornehmheit. Ich versuchte die Muffe zu drehen, und tatsächlich, sie war nicht eingeleimt, sondern geschraubt. Und nun gab der Stock sein Geheimnis preis: Es war ein Regenschirm. Ein kunstvoller Regenschirm. Der Stab war eine Hülle, daher seine Klobigkeit – eine präzise aus einem Stück herausgefräste Hülle. Darin steckte der Schirm. Und der war ein Glanzstück. Gefertigt aus zartdünner Seide, dennoch robust, schwarz und an keiner Stelle beschädigt. Er ließ sich leicht aufspannen und verbreitete einen muffigen Geruch, nicht unangenehm, alt ehrwürdig. Nur einmal ging ich mit dem Schirm bei Regenwetter aus.
Das wenig Durchdachte war: Die Seide war zwar wasserabstoßend, aber dennoch musste man eine gute Stunde warten, bis der Schirm ganz trocken war, bevor man ihn in seine Hülle zurückschob. Es hätte sich sonst Schimmel bilden können. Nun hängt dieser Spazierstock seit über zwanzig Jahren in unserer Bibliothek. Ich schaue ihn gern an. Er ist zu vornehm für einen Zweck. Die schönsten Dinge haben keinen Zweck. Außer dem, schön zu sein.

Mein zweiter Spazierstock ist dem Stöckchen von Charlie Chaplin nachempfunden, aber eben nur nachempfunden. Ich will ihn geringer machen, um nicht als Angeber dazustehen.
Ich habe ihn von einem guten Freund geschenkt bekommen. Er behauptete, der Stock habe tatsächlich Charlie Chaplin gehört. Nachdem ich über die subtile Ironie meines Freundes sehr gut Bescheid weiß, kann ich ihm nur zu einem Drittel glauben. Das genügt nicht. Wir waren zusammen in Südfrankreich, da rannte ich mit dem Fußzeh gegen einen Türbalken, der Zeh knickte, es tat schrecklich weh, ich humpelte. Da hat mir mein Freund den Stock besorgt. Dunkelbraun. Aus einem Ast geschnitzt und gebogen. In der Mitte ein wenig krumm. Wie der von dem Tramp. Mein Freund machte mich darauf aufmerksam, dass Chaplin, wenn er den Tramp präsentiert, das falsche Bein belastet – oder den Stock in der falschen Hand hält. Sinnvoll wäre es, den Stock auf der Seite des Standbeins zu platzieren. Er soll das Bein ja entlasten. Wozu wäre er sonst gut? Chaplin aber hält den Stock aufseiten des Spielbeins, spreizt den Arm sogar ab. Die Absicht sei, sagte mein Freund, den Stock in der Silhouette sichtbar zu machen. Dicht an der Seite
des Standbeins gehe unter. Chaplins Stock hatte also nur einen Zweck: Accessoire des Tramps zu sein. Manchmal kommt dieser Stock zum Einsatz. Wenn ich mich als exzentrisch darstellen möchte.

© Wolf-Dieter Grabner

Mein dritter Stock ist mir der liebste. Mein Sohn hat ihn mir gebaut, da war er acht Jahre alt. Er mochte mich gern und beobachtete mich. Er sah, wenn ich nach dem Essen
zum Spaziergang aufbrach, dass ich immer mein Notizbuch einsteckte und einen Bleistift. Er fragte, ob es denn nicht unbequem sei, im Stehen Notizen zu machen. Ich sagte,
das sei es in der Tat. Meistens gehe ich, bis ich eine Bank finde oder sonst etwas, worauf ich mich setzen kann, und dann erst schreibe ich. Er sagte, er könne sich vorstellen, dass ich bis dahin vergesse, was ich mir aufschreiben wollte. Ich sagte, ja, genau das sei das Problem. Manche Sachen, die ich auf keinen Fall vergessen wolle, schreibe ich ohne Unterlage, dann aber bestehe Gefahr, dass ich meine Schrift später nicht mehr lesen könne. Er nickte vor sich hin und verschwand in der Werkstatt. Nach einer Stunde überreichte er mir seine Erfindung: ein einfacher, glatt geschmirgelter Fichtestab, auf dessen Kopf er eine Holzplatte, 10 X 10 cm, geschraubt hatte, darüber straff befestigt ein Gummiband, an den Seiten je eine Klemme. Unter das Gummiband könne ich mein Notizbuch legen, aufgeschlagen, bereit, beschrieben zu werden, die Klemmen seien für zwei Bleistifte. Unter die Vorrichtung hatte er eine Schnur gewickelt, das war der Griff. Viele Spaziergänge habe ich mit diesem Stock unternommen. Wenn ich ihn ansehe, erinnere ich mich, was mir damals durch den Kopf gegangen war.

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