Aus der Tiefe rufe ich
Ihr Leben blieb kurz, das Œuvre schmal: Erst in letzter Zeit wurde eine breitere Öffentlichkeit auf Lili Boulanger (1893–1918) aufmerksam. Der Musikverein widmet der Komponistin in der Saison 2025/26 einen Programmschwerpunkt.
© Henri Manuel
„Wie mutlos ich an manchen Tagen bin“, schrieb Lili Boulanger an ihre enge Vertraute Miki Piré, kurz vor ihrem frühen Tod, „weil ich begreife, dass ich niemals das Gefühl haben werde, das getan zu haben, was ich wollte, denn ich kann nichts ohne Unterbrechungen tun, und die sind länger als meine Arbeitsphasen selbst!“
Als Kind schon war die 1893 in Paris geborene Boulanger chronisch an Bronchopneumonie erkrankt und verbrachte einen Großteil ihres Lebens in Sanatorien. Ihr vielfältiges Œuvre entstand in bloß sieben Jahren (1911–1918). Das Werk oszilliert zwischen spätromantischen, impressionistischen und expressionistischen Klangsprachen – oft mit einer spirituellen Dimension – und umfasst vor allem Chor-, Vokal-, Orchester- und Kammermusik sowie Klavierwerke.
Lili Boulanger wurde in eine Musikerdynastie geboren. Katholisch erzogen, war sie von tiefer Religiosität. Ihre Mutter, die russische Prinzessin und Sängerin Raïssa Myschezkaja, machte die Familie mit Klängen der ostkirchlichen Liturgie vertraut. Boulanger nahm Privatunterricht in Harmonielehre, Orgel, Klavier, Violoncello, Violine und Harfe, außerdem hörte sie den Musikstunden ihrer älteren Schwester Nadia zu. Gabriel Fauré, ein regelmäßiger Gast im Hause Boulanger, gehörte zu ihren musikalischen Beratern und ließ sie ab und zu in seiner Kompositionsklasse hospitieren, wo unter anderem Maurice Ravel und George Enescu studierten. Mit sechzehn Jahren trat Boulanger trotz ihrer Krankheit zur Aufnahmeprüfung am Pariser Conservatoire an und erhielt zum ersten Mal systematischen Musikunterricht. Nur wenig später (1913) gewann sie mit der Kantate „Faust et Hélène“ als erste Frau überhaupt den renommierten „Prix de Rome“ und wurde über Nacht zu einer internationalen Berühmtheit.
Eine französische Klangästhetik, verwoben mit der Expressivität der frühen Moderne, erzeugt in Boulangers Werk oft eine detachierte und zugleich dramatische Atmosphäre. Ihre komplexen, innovativen Akkordstrukturen und chromatische Linien brechen die stilistischen Konventionen auf.
Der Musikverein bringt in der Saison 2025/26 diese außergewöhnliche Komponistin in einer Reihe von Konzerten dem Publikum nahe. Unter anderem erklingt mit dem ORF RSO Wien und dem Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde am 11. Oktober im Großen Saal „Psaume 130, ,Du fond de l’abîme‘“ (dt. „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir!“). Dieses Werk für Alt-Solo, Chor, Orgel und Orchester vertont den 130. Psalm, in dem sich dissonante Cluster-Akkorde mit Momenten der Harmonie abwechseln und verzweifelt um Erlösung flehen – ein tonaler Abgrund, der mitten im Ersten Weltkrieg entstand und nicht nur Trostlosigkeit, sondern auch Hoffnung in sich trägt.
An demselben Abend wird auch „Vieille prière bouddhique“ für Tenor, Chor und Orchester zu hören sein, eine von Boulangers spirituellsten Kompositionen, die 1917 beendet und erst posthum veröffentlicht und uraufgeführt wurde. Der Text dieses alten buddhistischen Gebets wird von einer offenen, schwebenden Harmonik getragen, ein Plädoyer für Mitgefühl, Toleranz und universellen Frieden in einer Zeit der Zerstörung. Lili Boulanger fühlte weit über ihre Zeit hinaus und spricht heute, mehr als hundert Jahre nach ihrem Tod, mit derselben Dringlichkeit zu uns: „Im Morgenland und Abendland, Norden und Süden sollen alle, die existieren, ohne Feinde, ohne jede Behinderung, den Schmerz überwinden und Glückseligkeit erlangen, und sich in Freiheit bewegen, ein jeder auf dem Weg, der seine Bestimmung ist.“
Tamara Štajner