Die Reise hat gerade erst begonnen
Lukas Sternath steht an der Schwelle zu einer Weltkarriere. In der Saison 2025/26 stellt sich der junge Wiener Pianist im Musikverein vielschichtig vor.
© Julia Wesely
Europa, Nordamerika, Asien: Lukas Sternath hat schon als Knirps die Welt bereist – allerdings noch nicht als Pianist: Er steckte damals in einem Matrosenanzug der Wiener Sängerknaben. „Es war eine prägende, aufregende Zeit“, erinnert sich Sternath. Prägend, weil man „als Kind auf natürliche Art lernt, mit der Musik zu atmen“. Und aufregend? Selbstverständlich wegen all der Reisen und des Rampenlichts.
Damit war vorerst Schluss, als der Stimmbruch einsetzte. Doch Sternath hatte bereits ein neues Ziel für sein Musiktalent gefunden – nämlich das Klavier. Auf die Ausbildung an der Wiener Musikuniversität folgten bald Lorbeeren: 2022, mit 21, gewann Sternath nicht nur den Ersten Preis, sondern sieben weitere Auszeichnungen beim renommierten ARD-Wettbewerb. Wie fühlte sich dieser Sieg an? Als wäre der Jungpianist so richtig „angekommen“ im internationalen Musikbetrieb? Sternath formuliert es lieber anders: „Ich hoffe, dass ich nie endgültig irgendwo ‚ankomme‘ – es würde Stillstand für mich bedeuten. Ich würde eher sagen, mit diesem Erfolg hat für mich meine Reise begonnen.“
Höchste Bedeutung besitzt auf diesem Weg ein Weltstar, den man – um im Bild zu bleiben – Sternaths Reisebegleiter nennen könnte: Igor Levit. Seit 2021 unterrichtet der deutsche Virtuose den jungen Wiener an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover und unterstützt ihn auch mit praktischen Ratschlägen. „Igor ist ein riesiger Einfluss“, schwärmt Sternath. Levit helfe ihm auch dabei, „mit dem Klassikbetrieb richtig umzugehen und darauf zu achten, sich nicht selbst zu verlieren“. Diese Tipps sind Gold wert für den österreichischen Nachwuchsmusiker, der sich nicht rasch verheizen lassen will. „Ich möchte noch in 70 Jahren Klavier spielen können und meinen Beruf genießen.“

© Julia Wesely
Nichtsdestoweniger arbeitet er zielstrebig an seiner Karriere. Spätestens seit der vorigen Spielzeit ist sein Name an den Bühnen zwischen Lissabon und Stockholm, London und Katowice bestens eingeführt: Der Verband europäischer Konzerthäuser hat Sternath zum „Rising Star“ ernannt und ihm damit Auftritte quer über den Kontinent ermöglicht. In Österreich? Da genießt der Jungpianist schon länger Renommee. Besonders früh fand übrigens sein Debüt im Musikverein statt: Hier saß er erstmals 2015 an den Tasten.
In der Saison 2025/26 präsentiert sich Sternath nun in vier Konzerten: Der Virtuose ist dabei nicht nur in klanggewaltiger Besetzung mit den Wiener Symphonikern und Rachmaninows Viertem Klavierkonzert zu erleben. Er begleitet zudem einen Liederabend – ein Genre, das ihm nach seiner Sängerkindheit weiter am Herzen liegt –, übernimmt den Klavierpart in einem Trio-Konzert und stellt zudem ein kontrastreiches Soloprogramm vor: Die A-Dur-Sonate des späten Schubert trifft dabei auf Prokofjews komplexe Achte Sonate aus dem Zweiten Weltkrieg.
Eine Konzertserie, die Sternaths Liebe zur Vielfalt verdeutlicht – was die Besetzung betrifft, aber auch die Stilistik. Apropos: Hat Sternath eine Lieblingsepoche? Wiener Klassik, Romantik, Moderne? Nein. „Erst unlängst habe ich in einem Konzert Neue Musik romantischen Werken gegenübergestellt. Im Grunde ist es für mich gleichgültig, wann ein Stück verfasst wurde. Natürlich ist es interessant, den Kontext einer Komposition, den jeweiligen Zeitgeist zu kennen. Aber: Ein Musikstück kann nur im Moment des Erklingens entstehen. Insofern ist für mich gefühltermaßen jede Musik neue, unmittelbare Musik – ob sie vor 200 Jahren oder vor zwei Tagen geschrieben wurde.“
Christoph Irrgeher