Musik unter Hochspannung
Am 20. September dirigiert Lahav Shani am Pult der Münchner Philharmoniker das Eröffnungskonzert der Saison 2025/26. Im weiteren Verlauf ist der Künstler im Fokus des Musikvereins nicht nur als Dirigent zu erleben, sondern auch am Klavier an der Seite von Martha Argerich.
© Raphael Mittendorfer
Wenn Lahav Shani die ersten Töne am Klavier anschlägt, dann wird er eins mit seinem Instrument. Dass er meist zugleich noch ein anderes, ein viel größeres zum Klingen bringt, das Orchester nämlich, geschieht bei ihm ganz natürlich. Auch fordernde Werke wie Prokofjews Drittes Klavierkonzert leitet er vom Flügel aus. „Das ist nicht viel schwerer, als nur zu spielen. Vor allem macht das großen Spaß. Als Solist ist man viel mehr ausgestellt, man hat eine andere Kontrolle über den Klang. Als Dirigent kommt es auf das Vertrauen zum Orchester an“, beschreibt er seine Auftritte in Doppelfunktion als Dirigent und Pianist. Shani ist ein Phänomen, ein Musiker, der Musik aus drei Perspektiven kennt. Vom Dirigentenpult aus, als Solist und aus eigener Orchestererfahrung als Kontrabassist.
1989 als Sohn eines Chordirigenten in Tel Aviv, Israel, geboren, wächst er mit Musik auf. Mozart, Beethoven Prokofjew sind ihm der liebste Sound seiner Kindheit. Mit 15 Jahren gibt es für ihn keinen Zweifel, dass er Pianist werden will. Das ändert sich erst, als er 18 wird und im Israel Philharmonic Orchestra Kontrabass spielt. Immer stärker spürt er, dass er selbst entscheiden will, wie etwas zu klingen hat. Dann trifft er auf Zubin Mehta, tritt bei ihm als Solist am Klavier auf und als Kontrabassist im Orchester. Mehta erkennt sein Potenzial, attestiert ihm Führungsqualitäten und legt ihm nahe: „Du musst es versuchen.“
Shani beginnt in Berlin ein Dirigierstudium und besucht die Proben von Daniel Barenboim. „Wir haben sehr viel über Musik gesprochen. Bei meinem ersten Konzert in Rotterdam war er mein Solist, jetzt sind wir Freunde“, beschreibt er sein Verhältnis zu seinem Mentor.

© Marco Borggreve
Heute ist Lahav Shani mit zwei Orchestern als Chefdirigent verbunden: seit 2018 mit dem Rotterdam Philharmonic und seit 2020 mit dem Israel Philharmonic Orchestra, das er von Zubin Mehta übernommen hat und als seine Familie bezeichnet: „Dieses Gefühl habe ich nur dort, denn mit vielen aus der jüngeren Generation im Orchester bin ich aufgewachsen.“ 2026 tritt Shani die Position des Chefdirigenten bei den Münchner Philharmonikern an. Da endet sein Vertrag in den Niederlanden, den er darüber hinaus nicht verlängert, denn drei Orchester parallel zu leiten sei ihm zu viel.
Dass Shani, erst Mitte dreißig, einer der gefragtesten Maestri ist, versteht, wer ihn im Konzert erlebt hat. Dieser Musiker hat etwas Elektrisierendes. Er lebt die Musik. Ob er selbst am Klavier als Solist mitwirkt oder am Dirigentenpult, spielt keine Rolle. Er weiß, wie man besondere Momente generiert. „Vielleicht liegt es daran, dass ich mich und das Orchester nicht langweilen möchte“, scherzt er. Pragmatisch erklärt er das so: Für einen Dirigenten sei es wesentlich, dass er die technischen Probleme vom Orchester her versteht. Mit den Bläsern könne man etwa über Phrasierung sprechen. Aber bei den Streichern müsse man spüren, wie etwas zu spielen sei. „Es reicht nicht, wenn man nur sagt, probier’s mal so. Wenn man selbst Kontrabass gespielt hat, versteht man das viel besser. Das Wichtigste aber ist die Chemie“, setzt er fort. „Es ist so, wie wenn zwei Menschen einander zum ersten Mal begegnen. Irgendwas muss da sein. Das kann man nicht beschreiben“, sagt er, aber bei seinen Gastspielen mit dem Rotterdam Philharmonic und den Münchner Philharmonikern im Musikverein ist es zu erleben.
Susanne Zobl